SIE – Schnorcheln und Schnarchen mit Fremden

Die Sleeping-Queen im Dorm

Die Sleeping-Queen im Dorm

Amanda aus Neuseeland seufzt ab und an leise. Evelyn aus Holland schläft felsenfest in der selben Position – Rückenliegerin, Schlafmaske über den Augen, Hände über dem Bauch gefaltet. Thomas aus Californien bevorzugt die Embryonalstellung – seitlich liegend, Knie angezogen.

Dicht an dicht mit Fremden zu schlafen, ist echt nicht meine Lieblingsbeschäftigung auf Reisen, aber gehört dazu bei unserem Tagesbudget.

Zehn Reisende teilen sich ein Schlafzimmer, das ist Standard. Es gibt aber auch 20er Dorms, wie Gemeinschaftszimmer auf Englisch heißen. Oft anstrengend, weil eigentlich einer immer nachts los muss und der andere vom Feiern zurück kommt, aber oft billiger als ein Einzelzimmer und eigentlich schlafe ich ja überall sofort ein. Außer heute. Seit morgens halb vier liege ich wach. Es ist stickig, mein T-shirt klebt und meine Gedanken kreisen.

Alleine mit mir selbst, Denken 1.0, so wie früher, weil ohne Wifi.

Auch im Cockpit wird geratzt

Auch im Cockpit wird geratzt

Warum ich aufgewacht bin? Ich habe Hunger. Ich ziehe mich am Hochbett über mir hoch und verkünde im Flüsterton: „Ich muss was essen.“ ER kann gerade auch nicht schlafen, das höre ich am ständigen Umdrehen und sehe es an Lichtschein des Tablets – im Grunde genommen sind wir nicht diese „Wenn ich nicht schlafen kann, blende ich eben alle“-Assis im Dorm, aber Ausnahmen… nun ja.

SEINE Antwort: „Nachts wird nicht gegessen.“ Unverschämt! Wie kommt ER denn auf sowas? Zufriedend lächelnd denke ich an meine Oma, die sich abends schon vorausschauend Leberwurst-Brote (kein Witz) für die Nacht geschmiert hat. „Für den kleinen Hunger“, hat sie immer gesagt und mir zugezwinkert.

Ich nästele an der zugeknoteten Plastiktüte mit den Bananen herum, die eigentlich fürs Frühstück gedacht waren. Endlich auf. Die Engländerin gegenüber grunzt. Ich angele mir eine Banane, setzte mich auf und mampfe im Dunkeln.

„So, das ist schon mal gemacht.“ Stelle ich im stillen Selbstgespräch mit mir fest und mache mich wieder lang.

Trommele mit den Fingern auf dem Bauch, befühle meine Quaddeln an den Beinen und denke: hoffentlich Mücken und keine Bettwanzen!

Umdrehen, nein, hilft auch nicht. Also hole ich mein Handy raus, versuche nur mich anzuleuchten und gucke meine Fotos durch. Kenn ich alle. Hab ich ja auch gemacht. Langweilig. Also scrolle ich mich durch meine Notizen, lese mich an der ein oder anderen Reiseerinnerung fest. Ich schreibe meine Texte immer in den Notizen, so wie diesen hier.

Was alles als gemütlich gilt, wenn die Wellen das Kommando übernommen haben

Was alles als gemütlich gilt, wenn die Wellen das Kommando übernommen haben

Über was ich schon alles geschrieben habe – nur übers Schlafen mit Fremden noch nicht. Also außer im Nachtzug nach Shanghai.

Zeit für eine Typologie der Schlafenden – die Zweite.

Eins vorweg: Abschüsse wie in China kann ich mir hier nicht erlauben. Ich werde die alle wiedersehen – wir sitzen nach dieser Nacht fünf Tage lang alle in einem Boot.

Genauer: auf der Mintaka. Segeln von Panama nach Kolumbien.

Falls also einer mal unseren Blog aufruft und da ein Foto von sich schlafend… Anwalt, Gefängnis, OhGottOhGott!

James schläft an Bord eher klassisch. Nachts im Hostel war er der Flamingo

James schläft an Bord eher klassisch. Nachts im Hostel war er der Flamingo

Es wird langsam hell, ich entscheide mich also für Übersichtsfotos, das muss reichen. Draußen zwitschen schon die Vögel, es ist kurz nach halb sieben. Drinnen surren die Ventilatoren und ab und an raschelt und knarrt es, wenn einer der Schlummernden sich umdreht.

Also Typologie:

Der auf-dem-Rücken-alles-von-sich-gestreckt-Ratzer, der gerne schnarcht und leider ja, auch furzt. Unangenehm.

Siesta im Beiboot: Madame (Sian) schläft irgendwie elegant und verrenkt gleichzeitig

Siesta im Beiboot: Madame (Sian) schläft irgendwie elegant und verrenkt gleichzeitig

Selten gesehene Spezies: die Sleeping-Queen. Königinnen-like mit gefalteten Händen. Klar, dass Evelyn aus Holland kommt, so kann nur eine schlafen, die Königin Beatrix Gesten verinnerlicht hat. Ich werde die morgen mal fragen, ob sie den Sketch „Lecker Mittagessen“ von Hape Kerkeling kennt.

Die bis-oben-hin-Zugedeckte, eher der Kuscheltyp, auch wenn es nur das Laken ist und es mindestens 25 Grad sind.

Der Kermit-Schläfer. Beine Froschgleich gespreizt auf dem Rücken liegend. Sieht unbequem aus, aber hey, Thomas ist Ami. Den kann man doch smalltalk-lässig beim Frühstück anhauen: „Du, ich hab dich nachts beobachtet. Erst hast du in der Embryostellung geruht und dich dann gedreht. Sag, warum schläfst du so verrenkt mit den Beinen? Tut das nicht weh?“

Wäre seine Freundin sicher „not amused.“

Die ist übrigens eher klassisch, wenn es uns Schlafen geht. Probiert

Die Sleeping-Queen mal hautnah

Die Sleeping-Queen mal hautnah

sich aus, sprich: dreht viel, aber landet immer in der Embryo-Stellung.

Der Seepferdchen-Schläfer. Beeindruckend, wird den Rückenärzten unter den Lesern jetzt nicht gefallen, aber ihm scheint es bequem zu sein. Knie angewinkelt und dann Kopf weit hinter der Linie der Wirbelsäule. Hohlkreuzer könnte man diesen Schlaftyp auch nennen.

Zu guter letzt:

Der Flamingo. Ein Bein gerade, eins angewinkelt.

Ach, über dem Flamingo (der übrigens aus Irland kommt und James heißt) hat die Sleeping-Queen gerade einen Mucks gemacht. Jetzt schläft sie lässig mit Händen über dem Kopf.

Über mir ist es übrigens ruhig geworden, kein Herumwälzen mehr. ER schläft.

Unter Deck ruht derweil die Frau des Kapitäns

Unter Deck ruht derweil die Frau des Kapitäns

So, das Zehner-Dorm ist typologisiert. Ich geh‘ Frühstücken

Auf dem Boot muss ich gar nicht auf die Nacht warten, um die Siesta-Halter zu typologisieren.

Denn seit dem Start unserer 40-Stunden-Segeltour sind sie überall. Auf dem Deck, unter Deck, jede Ecke wird genutzt, um abzuschnorcheln.

Mir geht’s genauso. Das Schaukeln, die Schieflage, alles zusammen versetzt mich in einen komatösen Zustand. Ständig fallen mir die Augen zu.

SIE schläft - eindeutig: Typ Keiler

SIE schläft – eindeutig: Typ Keiler

Um nicht von Bord zu rutschen, verkeile ich mich zwischen fixiertem Beiboot und Reling. Sian liegt ladylike im Beiboot und Evelyn hat es sich neben mir bequem gemacht. Der Rest schlummert im Cockpit auf den Bänken.

Eigentlich gibt es an Bord nur diesen einen Schlaftyp: den Keiler. Denn: Hat man sich erst gut fixiert, schläft es sich ganz ungeniert.

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  3 comments for “SIE – Schnorcheln und Schnarchen mit Fremden

  1. Hannelore
    14. Mai 2015 at 8:56

    Herrlich, die Bilder der Schlafenden und die Erinnerung an meine Mutter. Sie sagte auch gerne: “ Wer schläft sündigt nicht“. Heute frage ich mich, wie passt das eigentlich zusammen?

    • SIE
      14. Mai 2015 at 17:01

      Wie schön! Ist doch klar, Ma! Oma war ja wach, als sie ihre Leberwurststullen genossen hat. Also stimmt: Wer schläft, sündigt nicht:) Kuss aus Kolumbien

  2. 15. Mai 2015 at 20:12

    Super! Es ist doch schön zu wissen, dass alle während des Schlafens die Kontrolle über den eigenen Körper verlieren.

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