SIE – Ode an Opa und ans Meer der Möglichkeiten

Wenn du mich nur hier sehen könntest! Wie ich vor Freude quiekend wie ein Kind beim Kitzeln vom Bugsitz abhebe, wenn wieder ein ordentlicher Brecher das Schiff gen Himmel drückt.

Die Mintaka vor einer Paradiesinsel

Die Mintaka vor einer Paradiesinsel

Dieser kurze Moment der Schwerelosigkeit. Dieses Gefühl zu fliegen. Dieses Bauchkribbeln wie auf dem letzten Platz auf der Schiffschaukel. Ich bin überzeugt, dass ein Seemann Erfinder dieses Karussells ist.

Ob du je Schiffsschaukel gefahren bist, weiß ich nicht. Sicher ist, dass du die echte, das Abheben vom Bug, mehrfach erlebt hast. Schließlich fuhrst du als Matrose zur See, warst bei der Marine und hast als junger Mann Schiffbauer gelernt. 

Mein Bugsitz, mein Lieblings-Platz

Mein Bugsitz, mein Lieblings-Platz

Dieses Foto an Bord, mit Pfeife im Mundwinkel, dieser Stolz in deinen Augen. Ich hatte es lange nicht mehr in der Hand und hab es doch so klar vor Augen. Du stützt dich lässig in James-Dean-Manier mit dem Ellenbogen auf dem Knie auf.

Warum waren wir eigentlich nie zusammen segeln, Opa?

Ich denke an den Knotenkasten, der immer im Esszimmer über deinem Stammplatz hing. Warum habe ich dich nie nach Anekdoten zu jedem Knoten gefragt? Mit wem hast du deinen ersten halben Schlag geübt? Wann hast du deine wichtigste englische Trompete geknotet?

Als ich es gekonnt hätte, waren meine großen Themen: erster Freund mit 16, Führerschein machen mit 18, Abi mit 19.

Auf, ab, vor mir unendliches Blau

Auf, ab, vor mir unendliches Blau

Als Du 19 warst, hast du im Krieg mit einem Seil die Nabelschnur eines Neugeborenen durchtrennt, als eine Frau an Bord plötzlich in den Wehen lag und ein Kind gebar.

Das ist wie zwei Welten, deren Schnittmenge sich nicht sofort erschließt, aber sie ist da, ich fühle sie.

Du in dieser Welt des Krieges, der Not und der Angst- als euer Schiff auf eine Mine gelaufen ist und du zwei Stunden in der kalten Nordsee um dein Leben geschwommen bist.

Ich in dieser Idylle auf hoher See zwischen Panama und Kolumbien. Mit genug Essen und Trinken an Bord, drei Zwischenstopps auf Paradiesinseln, bevor es auf den 40-Stunden-Segeltrip geht. 525 Dollar habe ich bezahlt, um dabei zu sein. Um das Wasser aus dem Hahn beim Abwasch schräg fließen zu sehen, um mich unter Deck überall festhalten zu müssen und um auf diesem Platz sitzen zu können.

 

Der Bugsitz ist die Schnittmenge.

Ich bin überzeugt, dass du es auch genossen hast, wenn dich das Meer kurz in die Luft geschmissen hat, um dich sofort wieder sanft in die Arme zu nehmen.

Note to myself: Frage, frage, frage!

Ein Einheimischer auf seinem Boot

Ein Einheimischer auf seinem Boot

Versuche, die vermeintlich großen Themen deines Lebens jetzt immer mit den vielleicht großen in der Zukunft abzugleichen. Was könnte mich später mal bewegen, was wird mich wohl interessieren, wenn ich erst soundso alt bin? Es tut gut, unterschiedliche Lebensweisen zu kennen. Wie an Land, wie auf dem Wasser leben? Alles lebenswertes Wissen.

Türkises Wasser, traumhafte Inseln. Für den Luxus bezahle ich, zwei Generationen weiter, viel Geld

Türkises Wasser, traumhafte Inseln. Für den Luxus auf Wasser bezahle ich, zwei Generationen weiter, viel Geld

Abends sitze ich wieder auf meinem Lieblingsplatz. Bis zum Horizont sehe ich nur eine sich ständig bewegende Hügellandschaft. Auf und ab, nichts als Wasser, keine kleine Inseln mehr, kein Land. Wir sind auf hoher See. Mit 100 Quadratmetern Segelfläche am Wind gleitet, schmatzt und wiegt sich die Mintaka voran.

Vor mir die dunkle Masse Meer. Der Mond scheint hell, aber ich sehe schwarz – mich zu entscheiden, weil das Leben voller Möglichkeiten ist. Nie zuvor auf unserer Reise habe ich das Meer an Möglichkeiten so deutlich vor mir gesehen – im echten wie im übertragenen Sinne.

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  5 comments for “SIE – Ode an Opa und ans Meer der Möglichkeiten

  1. 7. Mai 2015 at 22:09

    TTT-Turbo Toller Text.Dein Opa wäre begeistert!

  2. Werner
    8. Mai 2015 at 8:52

    PS
    Das Band mit dem dein Großvater die Nabelschnur abgebunden hat, war das von ihm kurzerhand abgeschnittene Mútzenband seiner Marinemútze. Da er damit seine Uniform entehrt hatte, wurde er mit 5 Tagen ,, Bau,, Gefängnis bestraft. Das spielte sich alles in den letzten Kriegstagen 1945 ab. Auf einem Schiff der Kriegsmarine, dass hunderte von Flüchtlinge aus Pommern an Bord hatte, das Mittelmeer lässt grüssen.

  3. Werner
    8. Mai 2015 at 8:58

    Beachte das Datum, du hast den Text in den letzten ,,Kriegstagen,, geschrieben , heute ist der Jahrestag der Befreiung.

  4. Kaddel
    13. Mai 2015 at 10:28

    Und wieder dieses kribbeln im Bauch beim Lesen Deiner Texte….<3

    • SIE
      14. Mai 2015 at 4:08

      Ach Kaddy, Danke, dass Du mich gerne liest!

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